„In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche“. Ein Blick ins Wort der deutschen Bischöfe zur Seelsorge

„In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche“ – diesen Titel trägt ein neues Wort der deutschen Bischöfe, das am 8. März 2022 auf der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Vierzehnheiligen präsentiert wurde.[1] Dieses Dokument enthält wertvolle Hinweise für eine zeitgemäße Seelsorge, auch über die Katholische Kirche in Deutschland hinaus. Das neue Wort der Deutschen Bischöfe baut auf der Arbeitshilfe „Gemeinsam Kirche sein“ aus dem Jahr 2016 auf.[2] Erstmals legt die Deutsche Bischofskonferenz damit ein Positionspapier zum Selbstverständnis kirchlicher Seelsorge vor und behandelt darüber hinaus aktuelle Herausforderungen an Seelsorger.

I. Zum Selbstverständnis kirchlicher Seelsorge

Das neue Wort der Deutschen Bischöfe beginnt in einer Hinführung mit einer Reflexion über das Selbstverständnis kirchlicher Seelsorge. „Durch die Seelsorge“, so heißt es dort, „möchte die Kirche Menschen in unterschiedlichen Situationen nahe sein; sie steht solidarisch an ihrer Seite. Sie will ihnen durch glaubende und hoffende Mitmenschen dabei helfen, ihr Leben zu deuten, zu gestalten und in Würde zu leben“ (S. 9). Die Bezeichnung „Seelsorger“ bezieht sich auf geweihte Amtsträger wie Priester und Diakone ebenso wie auf nicht geweihte hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter wie Pastoral- und Gemeindereferenten wie auch auf ehrenamtliche Mitarbeiter. Auch außerhalb der Kirche wird in heutiger Zeit der Begriff „Seelsorge“ für die Tätigkeit von Einzelpersonen oder Institutionen verwendet. Umso wichtiger scheint es, das spezifisch kirchliche Verständnis von Seelsorge darzulegen. Hinzu kommt, dass in deutschen Bistümern zurzeit Veränderungsprozesse im Gang sind, die es unerlässlich erscheinen lassen, Seelsorge in veränderten Strukturen und Zeitumständen neu zu denken.

Daran schließt sich ein Blick auf die Herkunft des Wortes „Seelsorge“ an. Dieses Wort wird in kirchlichen Kreisen ganz selbstverständlich verwendet, doch in der Bibel gibt es nur eine Stelle, an der die Worte „Seele“ und „sorgen“ zusammen vorkommen. In der Bergpredigt heißt es: „Sorgt euch nicht um euer Leben“ (Mt 6,25), wobei im griechischen Original „Seele“ statt „Leben“ zu lesen ist. So ist der Begriff der Seelsorge gar nicht biblischen Ursprungs. Er kommt vielmehr aus der griechischen Philosophie. Nach Platons „Apologie des Sokrates“ wurde Sokrates vorgeworfen, er habe die Jugend verdorben, weil er sie gelehrt habe, dass es wichtiger ist für die Seele zu sorgen statt sich um materielle Güter und Ehre zu mühen. So meinte Seelsorge ursprünglich eine Selbstsorge, die über die Sorge um Materielles und gesellschaftliches Ansehen hinausging. Im kirchlichen Bereich kam es im 4. Jahrhundert zu einem Bedeutungswandel als christliche Theologen den Begriff der Seelsorge für die Verantwortung der Bischöfe und Priester für die ihnen anvertrauten Gläubigen verwendeten. Die lateinische Kirche spricht bis heute von cura animarum, was etwas verrechtlicht die Zuständigkeit eines kirchlichen Amtsträgers für das Seelenheil der Menschen seines Territoriums meint. Aus diesem Verständnis heraus wurde Seelsorgstätigkeit lange Zeit als dem Priester vorbehalten verstanden, auch da sie in der Spendung der Sakramente gipfelte. Das Zweite Vatikanische Konzil hat das Verständnis von Seelsorge geweitet und sie als Aufgabe aller getauften Christen angesehen.

Darauf aufbauend geht das Wort der Deutschen Bischöfe auf Seelsorge als Weiterführung der Heilssendung Jesu Christi in seinem Geist ein. Als theologische Grundlage für die seelsorgerische Tätigkeit der Kirche wird die Überlegung herangezogen: „Jesus von Nazaret ist der Seelsorger schlechthin. Aufgabe der Kirche ist es wiederum, die Botschaft Jesu in Wort und Tat und mit der eigenen Existenz zu verkünden und seine Sendung durch die Zeiten hindurch fortzuführen. Für diese umfassende kirchliche Tätigkeit steht das Wort Seelsorge“ (S. 15). Wesentliche Aufgabe der Kirche ist daher Seelsorge zu leben und zu verwirklichen. Dazu ist es nötig, im Geist Jesu auf einem tragfähigen spirituellen Fundament zu handeln und sich auf die Erfordernisse der konkreten Umstände einzulassen.

Die Folge daraus, so legt es das neue Wort der Deutschen Bischöfe daran anschließend dar, ist das Verständnis von Seelsorge als ganzheitliches und mehrdimensionales Interaktionsgeschehen. So hat die Seelsorge eine caritative Dimension, indem sie sich an Menschen in Not wendet. Doch darf Seelsorge sich nicht auf Hilfe zur Krisenbewältigung beschränken. Auch in Alltagssituationen und in freudigen Lebensphasen soll sie die Menschen begleiten. Außerdem hat Seelsorge eine evangelisierende Dimension durch Erstverkündigung und Glaubensvertiefung. Pastorales Handeln ist seelsorgerischem Handeln ähnlich, doch hat Pastoral stärker strukturelle und organisatorische Aspekte im Blick während Seelsorge mehr praktisches Handeln fokussiert ist.

Auch die Spendung der Sakramente, so die Überlegung im neuen Wort der Deutschen Bischöfe weiter, gehören zu Seelsorge.

Der erste Teil schließt mit einem Blick auf kirchliche Seelsorge in einer pluralen Gesellschaft ab. Seelsorge ist in der heutigen Zeit nicht mehr nur auf Kirche beschränkt. Auch andere Religionsgemeinschaften bieten ihren Mitgliedern Seelsorge an. Zu interreligiöser Zusammenarbeit kommt es dabei etwa im Bereich der Krankenhaus-, Militär- oder Gefängnisseelsorge. Hinzu kommt in jüngerer Zeit das Konzept der spiritual care. Nach diesem ganzheitlichen Konzept wird die spirituelle Dimension als genau wichtig für den Menschen gewertet wie die physische, psychische oder soziale, wobei ein Transzendenz- oder Gottesbezug nicht zwangsläufig gegeben sein muss. In die kirchliche Seelsorge dürfen psychologische Methoden einbezogen werden, doch ist Seelsorge keine professionelle Psychotherapie.

II. Aktuelle Herausforderungen an Seelsorger

Nach diesen grundlegenden Überlegungen widmet sich das neue Wort der Deutschen Bischöfe im zweiten Teil den aktuellen Herausforderungen an Seelsorger.

Die Berufsbezeichnung „Seelsorger“ ist nicht geschützt. Neben haupt- oder ehrenamtlich tätigen Seelsorgern im kirchlichen Dienst wird Seelsorge in einem weiteren Sinne auch von anderen Menschen ausgeübt. So wird es etwa auch als Seelsorge empfunden, wenn ein Ordensangehöriger Exerzitien gibt oder wenn sich eine Krankenschwester in ganzheitlicher Weise um Patienten kümmert. „In der Seelsorge braucht es beides […]“, betonen die Deutschen Bischöfe. „Die verschiedenen – kirchlichen wie nichtkirchlichen, ehrenamtlichen wie hauptberuflichen – Berufungen und Beauftragungen zur Seelsorge sind aufeinander angewiesen, können voneinander lernen und sich gemeinsam weiterentwickeln“ (S. 32). Wichtig ist außerdem die Seelsorgsarbeit im Team. Auf diese Weise können sich Charismen und Dienste gegenseitig ergänzen, und es ist Kritik und Korrektur möglich, wo sich Fehler einzuschleichen drohen. Auf persönlicher Ebene sind existentieller Vollzug und persönliche Haltung des einzelnen Seelsorgers wichtig. „So wie sie leben, fühlen und denken, so werden sie auch mit ihren Überzeugungen und Lebenseinstellungen als Person in der seelsorglichen Begegnung erfahrbar sein. Am Anfang eines Seelsorgeberufs steht die Sendung, das Geschenk des Glaubens an den heilenden und rettenden Gott Jesu Christi im eigenen Leben, in Wort und Tat zu bezeugen“ (S. 35). So erhält Seelsorge ihre personale Komponente, in der die einzelnen Seelsorger weitergeben, was sie selbst erfahren haben und darüber hinaus anderen helfen, „die eigene Berufung und die eigenen Charismen zu entdecken“ (S. 37). Auch bei den Seelsorgern selbst gilt es, Charismen zu entdecken und zu fördern. Vom Charisma zu unterscheiden ist Kompetenz, die „nachweisbar erworben und entlang von festgelegten Kriterien überprüft“ werden kann (S. 39) und die in andauernden Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen erworben und erweitert werden soll. Dazu gehört auch, Qualitätsstandards für die Seelsorge zu erarbeiten.

Zu den Qualitätsstandards zählt ebenfalls, so fährt das zweite Kapitel des zweiten Teils fort, Regelungen für Prävention von und Umgang mit Missbrauch im seelsorglichen Kontext zu etablieren. Seelsorge ist eine Verknüpfung aus menschlichem und göttlichem Wirken. Seelsorger haben daher eine Vermittlungsaufgabe, die die Begegnung zwischen Gott und der Person, die Seelsorge in Anspruch nimmt, fördern will. Seelsorger, die die göttliche Komponente ihres Wirkens außer Acht lassen, stehen in der Gefahr zu Heilsversprechern zu werden, die die ihnen Anvertrauten manipulieren und sie statt zu Gott in die Abhängigkeit zu sich selbst führen. Auch ein angemessenes Verhältnis von Nähe und Distanz ist für die Seelsorge zentral. Seelsorger, „die kein klares Verständnis von der Grenze zwischen sich und dem anderen haben, können auf vielfältige Weise den anderen verletzen, sei es kultureller, ethnischer, geschlechtsbezogener, sexueller oder religiöser Art. Auch und gerade ein Mensch, der von seiner Not sehr gezeichnet ist, bleibt Subjekt der eigenen Lebensgeschichte. Jedes Verhalten von Seelsorge, das ihm etwas überstülpt, was er nicht ist und will und ihn nicht in seinem eigenen Denken und Verhalten wahr- und ernstnimmt, kann erheblichen Schmerz und Schaden verursachen“ (S. 48). Daher sind geeignete Präventionsmaßnahmen einzuhalten.

Im dritten Kapitel des zweiten Teils schließlich geht das Wort der Deutschen Bischöfe auf Orte der Seelsorge ein. Seelsorge ereignet sich in moderner Zeit abseits von klassischen Orten. Sie holt die Menschen vielmehr dort ab, wo sie stehen und ereignet sich neben bewährten Orten auch an nichtgemeindlichen Stellen und bei neuen Gelegenheiten.[3]

III. Fazit und Ausblick

Als zentrales Kriterium gibt das neue Wort der Deutschen Bischöfe den Seelsorgern das Hören mit auf den Weg, das Hören auf die Seelsorge suchende Person, das Hören auf die kirchlichen und gesellschaftlichen Kontexte, das Hören auf sich selber und das Hören auf Gott. Der Text ist erschienen in Bezug auf die Kirche in Deutschland und bezieht die Arbeitshilfe der Deutschen Bischöfe „Gemeinsam Kirche sein“ in ihre Überlegungen mit ein. Doch können von dem Dokument auch Impulse für eine Diskussion über die Seelsorge in der Kirche in Österreich ausgehen.


[1]    In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche. Wort der deutschen Bischöfe zur Seelsorge (08.03.2022), hg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Die deutschen Bischöfe 110), Bonn 2022. URL: https://www.dbk-shop.de/ media/files_public/b2ef0c90154a7ca99c98aa57df720f88/DBK_11110.pdf.

[2]    Gemeinsam Kirche sein. Impulse – Einsprüche – Ideen, hg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Arbeitshilfen 286), Bonn 2016. URL: https://www.dbk-shop.de/media/files_public/ 5523ab8d7ed0f8d3156b28dfb66a9ed8/DBK_5286.pdf.

[3]    Vgl. dazu beispielsweise die Ziele und Aufgaben der kategorialen Seelsorge im Erzbistum Wien: https://www.erzdioezese-wien.at/pages/inst/21102232/diekts/article/81904.html.


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Das kanonistische Buch

Rezension zu: Helmuth Pree / Noach Heckel, Das kirchliche Vermögen, seine Verwaltung und Vertretung. Handreichung für die Praxis, Wien: Verlag Österreich 3. Aufl. 2021. ISBN 978-3-7046-8855-2

Dass die dritte Auflage Neues zu bieten hat, ist bereits auf den ersten Blick zu erkennen: Sie ist deutlich dicker als die zweite Auflage. Von 224 Seiten in der zweiten Auflage ist das Werk auf 436 Seiten in der dritten Auflage gewachsen. Auch bei den Autoren gibt es eine Veränderung. Während Helmuth Pree wie schon in den beiden vorherigen Auflagen auch in der dritten Auflage Mitautor ist, konnte der im Jahr 2014 verstorbene Bruno Primetshofer an der dritten Auflage nicht mehr mitarbeiten. An seine Stelle hätte P. Stephan Haering OSB treten sollen, der jedoch im Jahr 2020 völlig überraschend verstorben ist. Mitautor der dritten Auflage ist nunmehr P. Noach Heckel OSB, der sowohl promovierter staatlicher wie auch promovierter kirchlicher Jurist ist und damit als Mitautor für ein Werk zu einem Thema, das an der Schnittstelle zwischen diesen beiden Rechtssphären steht, bestens geeignet ist. Inhaltlich baut das Werk, das sich wie schon die zweite Auflage als Handreichung für Rechtspraktiker versteht, auf Bewährtem auf, das aktualisiert wurde, ergänzt aber auch Neues.

Das erste Kapitel widmet sich den Grundfragen kirchlichen Vermögensrecht und geht auf die Arten von Vermögen kirchlicher Träger, die Quellen kirchlichen Vermögensrechts, die Rechtsträger kirchlichen Vermögens sowie die Grundbegriffe und Grundsätze kirchlicher Vermögensverwaltung ein.

Das zweite Kapitel thematisiert die Gebarung mit kirchlichem Vermögen. Behandelt werden in diesem umfangreichen Kapitel das Haushalts- und Rechnungswesen, der Vermögensverwalter, die hierarchische Aufsicht, Rechtsgeschäfte über das Kirchenvermögen, Haftungsfragen sowie die Ausgründungen in staatlicher Rechtsform.

Die meisten Neuerungen bietet das dritte Kapitel, das sich mit Spezialproblemen beschäftigt. Wie auch in der vorherigen Auflage wendet sich dieses Kapitel als erstes den vermögensrechtlichen Implikationen bei Inkorporationen zu, wobei speziell für Österreich relevante Ausführungen zur Pfarrkirche einer inkorporierten Pfarrei sowie zur Beendigung des Inkorporationsverhältnisses ergänzt wurden. Die folgenden beiden Abschnitte des dritten Kapitels thematisieren, wie auch in der zweiten Auflage, die vermögensrechtlichen Aspekte des Patronatsrechts sowie die vermögensrechtlichen Aspekte der Vereinigung von Pfarreien. Der vierte Abschnitt geht auf die Rechtsnachfolge nach Ordensinstituten und Klöstern ein. Dieser Abschnitt wurde im Vergleich zur vorherigen Auflage ergänzt, insbesondere durch Ausführungen zu Sonderregelungen für kontemplative Frauenklöster, die sich durch die Apostolische Konstitution Vultum Dei quaerere und die Instruktion Cor Orans ergeben haben. Es folgt ein Abschnitt zur Zusammenlegung von Ordensprovinzen und ein Abschnitt zur Insolvenz kirchlicher Rechtsträger. Diese beiden Themen wurden auch schon in der vorherigen Auflage behandelt und für die dritte Auflage aktualisiert. Neu ist der letzte Abschnitt des dritten Kapitels, der sich ausführlich mit den durch die Apostolische Konstitution Pascite gregem Dei erneuerten Strafbestimmungen mit vermögensrechtlichem Bezug befasst.

Da gerade im Bereich des kirchlichen Vermögensrechts vielfach Personen tätig sind, die keine Theologen sind, ist das neu eingefügte Glossar eine wichtige Hilfe für die Praxis zur Klärung zentraler Begriffe aus dem Bereich der kirchlichen Vermögensverwaltung.

Das ausführliche Literaturverzeichnis wurde um die einschlägigen Publikationen der letzten zehn Jahre, die seit der vorherigen Auflage vergangen sind, ergänzt.

Neu eingefügt wurde ein Anhang, in dem Allgemeindekrete der Österreichischen Bischofskonferenz zu Fragen des kirchlichen Vermögensrechts abgedruckt sind. Bei Drucklegung des Werkes waren die diesbezüglichen Normen der Deutschen Bischofskonferenz noch in Überarbeitung, sodass diese nicht mit abgedruckt wurden.

Verwalter kirchlichen Vermögens sind gehalten, „ihr Amt mit der Sorgfalt eines guten Hausvaters zu erfüllen“ (c. 1284 § 1 CIC) und müssen dazu die Vorschriften sowohl des kanonischen als auch des weltlichen Rechts genau beachten (vgl. c. 1284 § 2 Nr. 3 CIC). Zur Erfüllung dieser anspruchsvollen Aufgabe haben sich bereits die vorherigen beiden Auflagen des vorliegenden Werks als wertvolle Hilfe für die Praxis erwiesen. Auch die neu erschienene dritte Auflage verspricht, diesem Anspruch weiterhin gerecht zu werden. Dazu wurden nicht nur die rechtlichen Neuerungen seit der vorherigen Auflage aktualisiert, sondern das Werk wurde auch wesentlich erweitert, insbesondere hinsichtlich des Ordensvermögensrechts sowie des kirchlichen Strafrechts.

Titelbild: Daniel Tibi
DOI: 10.25365/phaidra.317

Das kanonistische Buch

Rezension zu:
Andrea Michl, Die Sühnestrafen des kanonischen Rechts. (Dissertationen Kanonistische Reihe 32.) St. Ottilien: EOS 2021. ISBN 978-3-8306-8095-6

Punire per salvare – strafen, um zu retten. So beginnt die Autorin Andrea Michl ihr Buch über die Sühnestrafen des kanonischen Rechts, die neben den Besserungs- oder Beugestrafen zu den Strafmitteln der katholischen Kirche gehören, und deren Zweck die Wiedergutmachung, die Umkehr des Delinquenten und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit ist. Das Buch ist in seinem Grundbestand die kanonistische Lizentiatsarbeit der Autorin, die sie 2015 am Klaus-Mörsdorf-Studium für Kanonistik der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereicht hat. Da zu jener Zeit die 2007 eingeleitete Revision des Buches VI des CIC noch im Gange war, hat die Autorin mit der Veröffentlichung bis zum Abschluss der Reform gewartet, um die Ergebnisse der Reform mit aufnehmen zu können. So legt die Autorin bereits wenige Monate nach der Abschluss der Reform und rechtzeitig vor Inkrafttreten des neuen kirchlichen Strafrechts ein aktuelles und lesenswertes Werk über die kirchlichen Sühnestrafen vor. Ein Überblick über den Verlauf der Reform des kirchlichen Strafrechts rundet das Buch ab.

Das erste Kapitel richtet den Blick auf die Sühnestrafen im Codex Iuris Canonici von 1917, die dort als poenae vindicativae bezeichnet wurden und deren Zweck als Wiedergutmachung in Form einer sühnenden Strafe verstanden wurde. Die Autorin ordnet die Sühnestrafen im CIC/1917 zunächst in die Systematik des kirchlichen Gesetzesbuches ein, geht danach auf Begriffsbestimmung und Intention ein, erläutert Rechtsmittel, thematisiert Strafaufschub und Aufhören einer Sühnestrafe und geht zum Schluss des Kapitels auf die Sühnestrafen im Einzelnen ein. Da die strafrechtlichen Normen im CIC/1917 umfangreich und komplex waren, nimmt das erste Kapitel, obwohl ein historischer Rückblick, einen breiten Raum ein.

    Das zweite Kapitel ist den Sühnestrafen im Codex Iuris Canonici von 1983 gewidmet und thematisiert das zum 7. Dezember 2021 geltende Strafrecht der lateinischen Kirche. Dieses Kapitel fällt kürzer aus, da nur Aspekte behandelt werden, die sich im Vergleich zum CIC/1917 verändert haben. So arbeitet die Autorin im ersten Schritt die Modifikationen und Unterschiede zum CIC/1917 heraus und behandelt anschließend die Sühnestrafen im Einzelnen.

    Im dritten Kapitel thematisiert die Autorin die Sühnestrafen im Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium, dem Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen. Der CCEO kennt keine Sühnestrafen, wie es sie im Strafrecht der lateinischen Kirche gibt, doch legt die Autorin dar, welche den Sühnestrafen ähnliche Strafen das Gesetzbuch verzeichnet.

    Das vierte Kapitel ist der jüngsten, im Jahr 2007 von Papst Benedikt XVI. angestoßenen und mit der Apostolischen Konstitution Pascite Gregem Dei Papst Franziskus’ vom 23. Mai 2021 abgeschlossenen Reform des kirchlichen Strafrechts gewidmet. Die Autorin legt Anlass und Verlauf der Strafrechtsreform dar und geht anschließend auf die Sühnestrafen nach dem neuen, ab dem 8. Dezember 2021 gültigen kirchlichen Strafrecht ein.

    Insgesamt legt die Autorin in ihrem Buch ein aktuelles und komplexes Thema wissenschaftlich fundiert und in einer gut verständlichen Weise dar. Sie gibt nicht nur einen umfangreichen historischen Überblick, sondern trägt zum Verständnis von Zweck und Anwendung der kirchlichen Sühnestrafen bei.
    So eignet sich das Buch als wissenschaftliches Grundlagenwerk zum Thema wie auch als praktischer Leitfaden zur Anwendung kirchlicher Sühnestrafen.

    DOI: 10.25365/phaidra.296